Eine audiovisuelle Umsetzung des Romans "Der Process" von Lukas Huber
Der Process - Lukas Huber
"Der Process" ist eine audiovisuelle Umsetzung des gleichnamigen
Romans von Franz Kafka.
Der Zuhörer und Betrachter (Z) setzt sich alleine in einen Raum mit 7 Lautsprechern und
einem Monitor. Etwa 1.5 bis 2 Meter vor dem Stuhl auf dem die Person sitzt, befindet sich
ein etwa auf Augenhöhe positionierter Bildschirm (B), auf welchem der visuelle Teil der Arbeit
gezeigt wird. Zudem befinden sich zwei Lautsprecher (L1,L2) vor der Person links und rechts
neben dem Bildschirm und ein dritter Lautsprecher (L3) befindet sich hinter der Person:
In den 4 Ecken des möglichst grossen Raumes befinden sich noch 4 weitere Lautsprecher.
Schon durch die Anordnung der Lautsprecher kann man erkennen, dass es
zwei verschiedene Klangebenen gibt: Eine innere, nähere und eine äussere, weiter entfernte.
Die Trennung wird vor allem dadurch klarer, da auf beiden Ebenen mit
unterschiedlichen Materialien gespielt wird. Auf den inneren drei Lautsprechern erklingen
synthetische Klänge und auf den äusseren vier Lautsprechern ist ein Chor zu hören.
Diese zwei Ebenen sind abgeleitet von der Symbolik des Fensters, die in diesem Roman
eine zentrale Rolle einnimmt. Die innere Ebene steht dabei für eine Art Schwelle, die
den Protagonisten des Romans daran hindert zur "Eigentlichkeit des Lebens"
durchzudringen, was in meiner Deutung von ihm verlangt werden würde.
Diese innere Ebene soll auch vom Hörer als eine Art Widerstand wahrgenommen werden,
an dem es vorbeizukommen gilt.
Die äussere Ebene steht folglich für das "Dahinter", die Erkenntnis, die Eigentlichkeit oder
wie man es auch nennen will… Um einen möglichst lockenden Klang zu erreichen
(ich hatte von Anfang an das Bild der antiken Sirenen im Kopf), wurde der Chor nur mit
Frauenstimmen besetzt. Entsprechend dem Bild der Sirenen soll dieser Klang aber auch
etwas rätselhaftes, trügerisches haben, denn was das "Dahinter" eigentlich ist, weiss niemand.
Um diese Rätselhaftigkeit zu unterstreichen singen die Stimmen Stufen einer enigmatischen
Skala (vom griechischen enigma, "das Rätsel"), die einen sehr eigenartigen, bodenlosen
Klang erzeugt. Jede gesungene Stufe der Skala bleibt während der gesamten Dauer physisch
am gleichen Ort (z.B. immer ein g' aus Lautsprecher x), gewechselt werden allerdings die
Sängerinnen, so dass gleiche Stufen in unterschiedlichen Farben erklingen. Das Programm
MAX/MSP steuert die Verteilung der Stimmen nach einem Zufallsalgorithmus.
Die dritte Ebene, das Monitorbild, ist der eigentliche Ausgangspunkt meiner Überlegungen.
Vom Bild ist auch die Struktur des gesamten Werkes abgeleitet, die sich aus der Struktur
des Romans ergibt. Dafür habe ich den Roman in Bezug auf das Wort "Fenster" durchsucht.
Immer wenn das Wort auftaucht (ob in symbolischer oder konkreter Bedeutung), habe ich mir
den Fundort, gegliedert nach Halbseiten meiner Ausgabe (Reclam), notiert. Jede Halbseite
entspricht einer Dauer von einer Sekunde, was bei 210 Seiten Umfang eine Gesamtdauer von
420 Sekunden, also 7 Minuten ergibt. Das Werk dauert allerdings etwas länger
als 7 Minuten, was mit der Dehnung des letzten, für mich zentralen Teils zu tun hat.
Die Häufigkeitsverteilung des Begriffs "Fenster" im Roman wurde als Struktur für die Gliederung
der Bildspur übernommen, was durch das verhältnismässig seltene Auftreten des Begriffs zur
Folge hat, dass das Bild meistens schwarz bleibt.
Wie oben angemerkt dient diese Struktur auch als Grundlage für die Komposition. Sie ist in der
inneren, dreistimmigen Ebene, jeweils zeitlich verschoben, was in der Konsequenz bedeutet,
dass jede der drei Stimmen einen anderen Start- und Schlusspunkt besitzt. Beim auftreten des
Wortes "Fenster" findet ein Lautsprecherwechsel statt. Die Programmierung in MAX/MSP legt
fest, welche Lautsprecher aktiv sind (alle Möglichkeiten mit 3 Lautsprechern, was 7
Möglichkeiten ergibt, stehen zur Verfügung).
Die bereits beschriebenen Startpunkte, welche nach Höhepunkten im Roman betreffend des
Themas Fenster gewählt sind, bestimmen mit dem Auftreten des Chores die äussere
Klangebene. Nach jedem Höhepunkt (unterschiedlich lange, durch die Struktur des Romans
bestimmte Phasen vor den einzelnen Startpunkten) fallen in der äusseren Ebene, von einem
Zufallsalgorithmus gesteuert, zwei der Stimmen weg. Da der Chor am Anfang 8-stimmig ist
und da es drei Höhepunkte gibt, bleiben am Ende noch zwei Stimmen übrig.
Schliesslich muss noch angefügt werden, dass sich das Stück bei jedem Durchgang anders
anhört, da einige Prozesse nach Zufallsoperationen laufen. Wichtig ist es auch anzumerken,
dass diese Zufallsoperationen nur auf die Klangfarbe, nicht aber auf die Struktur oder
den dynamischen Verlauf der Komposition einen Einfluss haben.
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